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Was den KI-Einsatz bremst und wie Unternehmen die nächsten Schritte gehen können: Künstliche Intelligenz in Tschechien – Warum viele Unternehmen noch zögern
September 3, 2025
Während die Welt rasant bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) voranschreitet, verfolgt Europa häufig einen vorsichtigeren Kurs. In vielerlei Hinsicht hinkt die Tschechische Republik sogar noch weiter hinterher. Wir haben mit Ondřej Vaněk, Head of AI bei Adastra, darüber gesprochen, warum die Einführung von KI hierzulande langsamer verläuft, was Unternehmen davon abhält, sie einzusetzen und in welchen Bereichen KI der Industrie am meisten bringt. Im Interview teilt er konkrete Erfahrungen aus der Praxis, erklärt, was wirklich funktioniert, und zeigt auf, woran es im tschechischen Umfeld mangelt, um größere Fortschritte zu machen. Analysen zeigen, dass Europa KI langsamer einführt als die USA. Noch überraschender: Die Tschechische Republik liegt sogar unter dem EU-Durchschnitt.
Woran liegt das?
Der europäische Umgang mit neuen Technologien ist generell vorsichtiger als der amerikanische oder chinesische. Während außerhalb Europas oft schnelle Ergebnisse und geschäftlicher Erfolg im Vordergrund stehen, spielen hier Grundrechte, Transparenz und Kontrolle eine zentrale Rolle. Ein klassisches Beispiel ist die DSGVO oder aktuell der AI Act, der die Entwicklung und den Einsatz von KI in der gesamten EU regelt. Dieses Regelwerk führt zwar zu strengeren Vorgaben und kann Innovation bremsen, schafft aber auch ein stabiles, verantwortungsvolles Umfeld, in dem die Interessen der Menschen besser geschützt sind. Am Ende geht es darum, die richtige Balance zwischen Innovationsgeschwindigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung zu finden.
Und wie steht Tschechien im Vergleich da?
Wir wollen zur technologischen Spitze gehören, aber die Realität ist komplexer. Im Vergleich zu Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden hinken wir bei Investitionen, Infrastruktur und der Vernetzung von Unternehmen, Universitäten und Start-ups hinterher. Wir sind ein Land von Pragmatikern – und warten oft ab, bis sich etwas anderswo bewährt hat. Was fehlt, sind Vertrauen, Risikobereitschaft und eine offenere Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft.
Gibt es europäische Länder, von denen wir uns etwas abschauen könnten?
Ja, die Niederlande sind ein gutes Beispiel. Dort arbeiten Innovationszentren, Universitäten, Start-ups, Inkubatoren und große Unternehmen eng zusammen. Forschung wird direkt mit industriellen Anforderungen verknüpft und schnell in die Praxis überführt. Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um eine Kultur der Zusammenarbeit und des Erfahrungsaustauschs. Genau ein solches Modell müssten wir hierzulande entwickeln.
In welchen Bereichen liegt das größte Potenzial für KI in der tschechischen Industrie?
Das größte Potenzial sehen wir im produzierenden Gewerbe, dem Rückgrat unserer Wirtschaft. Dort entscheidet die Effizienz der Produktion über die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich. KI hilft z. B. bei der Produktionsplanung, der Wartung, dem Ausfallmanagement oder in der Logistik. Tschechische Unternehmen haben oft stabile Prozesse und gleichzeitig große Mengen an Betriebsdaten, das ist ein ideales Umfeld für intelligente Systeme, die lernen, reagieren und in Echtzeit optimieren können.
Auch im Bereich Cybersicherheit sind wir stark. Unternehmen wie Gen Digital (ehemals Avast) oder Kerio gehören seit Jahren zur Weltspitze. Hier wird KI z. B. eingesetzt, um verdächtiges Verhalten in Netzwerken zu erkennen, Sicherheitsvorfälle zu analysieren oder Risiken automatisch zu bewerten. Diese Entwicklung ist nicht nur in Firmen, sondern auch an Universitäten und Forschungszentren sehr dynamisch.
Auch die Energiebranche holt auf. Lange galt sie als konservativ mit langsamer Digitalisierung. Doch durch steigende Investitionen ändert sich das Bild. Energieunternehmen setzen zunehmend auf intelligente Lösungen für Verbrauchsmanagement, Ausfallprognosen oder das Management erneuerbarer Energien. KI analysiert dabei Betriebsdaten in Echtzeit und hilft, auf Nachfragetrends oder Angebotsveränderungen schnell zu reagieren. Das passiert nicht nur bei großen Playern, auch kleinere Tech-Unternehmen bringen hier Innovationen. Generell gilt: KI wirkt dort am besten, wo es viele Daten, klare Prozesse und schnellen Reaktionsbedarf gibt. Und in dieser Hinsicht hat die tschechische Industrie eine gute Ausgangsbasis.
Laut Statistiken nutzen weniger als 10 % der tschechischen Unternehmen KI.
Was ist das Hauptproblem: Geld, Angst oder fehlende Zeit?
Jede Statistik hängt von der Methodik ab. Die 10 % sehen wir als sehr konservative Schätzung. Aus unserer Erfahrung beschäftigen sich viele Unternehmen aktiv mit KI. Manche testen bereits, nennen es aber (noch) kein offizielles Projekt. In einigen Fällen handelt es sich um Pilotversuche, in anderen läuft KI schon produktiv und liefert konkrete Ergebnisse.
Man kann also nicht sagen, dass 90% gar nichts tun. Viele haben erste Schritte gemacht – es wird nur wenig darüber gesprochen. Die Lage entwickelt sich zudem schnell weiter. Tools wie ChatGPT oder Copilot haben KI in den Alltag gebracht. Viele Menschen haben erlebt, dass KI Texte schreiben, Inhalte analysieren oder Lösungen vorschlagen kann. Daraus ergibt sich schnell die Frage: Wie lässt sich diese Effizienz im Team oder im Unternehmen nutzen?
Doch der Weg von Pilot zu Produktion ist nicht trivial. Man braucht passende Infrastruktur, aufbereitete Daten, klare Prozesse und kompetente Menschen, die Technik und Business verstehen. Genau hier wird es oft schwierig. Es geht nicht um ein einzelnes Problem, sondern um ein Zusammenspiel vieler Faktoren: technische Reife, strategische Vision, Veränderungsbereitschaft, interne Kapazitäten. Oder schlicht das Vertrauen, dass KI wirklich helfen kann.
Wichtig ist: Dort starten, wo es Sinn ergibt und wo schnelle Erfolge möglich sind. Diese Erfolge öffnen oft die Tür für weitere Schritte.
Welche Wege wählen Unternehmen beim Einstieg in KI, und welche Hürden treten dabei auf?
Es gibt zwei häufige Szenarien. Beim Bottom-up-Ansatz starten Teams oder Abteilungen eigene KI-Initiativen. Sie kämpfen dann meist mit knappen Budgets und müssen den Nutzen erst gegenüber dem Management beweisen. Hier ist es entscheidend, mit einem kleinen, schnell umsetzbaren Projekt zu starten und dann strategisch weiterzuentwickeln. Genau dabei unterstützen wir viele Unternehmen.
Beim Top-down-Ansatz kommt die Initiative vom Management. Hier liegt die Herausforderung oft im Widerstand der Fachbereiche, weil KI als Mehraufwand gesehen wird. Unsere „AI Days“-Workshops haben sich hier bewährt: Sie helfen, Mitarbeitende einzubinden und zu zeigen, wie KI die Arbeit erleichtert.
Dann gibt es noch die Rolle des Chief Innovation Officers. Dieser steht oft außerhalb der operativen Struktur und hat es schwer, echte Veränderung durchzusetzen.
Adastra fungiert hier oft als Brücke zwischen Management und Fachbereichen. Wir verstehen beide Seiten und sorgen dafür, dass KI-Lösungen wirklich umgesetzt werden und einen klaren Business-Nutzen bringen. Intern ist das oft schwierig, weil man nie völlig neutral ist. Wir führen den Dialog parallel: Mit der Geschäftsleitung und mit den Teams, die später mit der Lösung arbeiten. So erreichen wir messbare Resultate.
Was ist das größte Problem in Unternehmen?
Es gibt nicht das eine Problem. Manchmal fehlen gute Daten, manchmal klare Prozesse oder technisches Know-how. KI braucht ein skalierbares, stabiles Umfeld. Wer Produktionsplanung in Excel macht, stößt schnell an Grenzen. Der Wechsel zu robusteren Tools ist kein kleiner Schritt, sondern ein Sprung und nicht jede Firma ist bereit oder in der Lage dazu. Dazu kommt: In vielen Unternehmen gibt es eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Neuem. Das bremst zusätzlich.
Warum halten dann so viele an Excel fest?
Weil es verfügbar, bekannt und flexibel ist. Doch sobald mehrere Abteilungen damit arbeiten, wird es unübersichtlich und ineffizient. Viele Unternehmen fürchten, der Umstieg auf KI-gestützte Planung sei komplex. Dabei zeigen unsere Projekte: Die Investition amortisiert sich oft in 3 bis 6 Monaten.
Und es geht nicht nur um Kosten, auch Geschwindigkeit, Transparenz und Reaktionsfähigkeit steigen deutlich. Planung wird digital, nachvollziehbar und teamübergreifend nutzbar. Alle sehen, was geplant wird und warum. KI bedeutet also keine Revolution über Nacht, sondern eine schrittweise Verbesserung mit schnellem Nutzen.
KI-Nutzung in der Tschechischen Republik
Die Einführung von KI ist in der Tschechischen Republik noch niedrig im Vergleich zu Europa und weltweit.
Im internationalen Vergleich verläuft die KI-Einführung in Europa deutlich zurückhaltender als in den USA
Europäische Unternehmen liegen bei der KI-Nutzung 45 bis 70 % hinter den USA zurück.
(McKinsey, Oktober 2024)
TSCHECHISCHE REPUBLIK IM EU-VERGLEICH
Laut Eurostat nutzen 14% der Unternehmen in der EU KI, in Tschechien sind es 11%. Damit liegen wir im Schnitt, aber deutlich hinter Ländern wie Deutschland (20%).
Wie beginnen Unternehmen ihre ersten Schritte mit KI und wie begleitet Adastra diesen Prozess?
Wenn ein Unternehmen am Anfang steht, beginnen wir oft mit einem „AI Days“-Workshop. Wir zeigen dort, was KI heute in der jeweiligen Branche leisten kann, stellen erfolgreiche Projekte vor und binden die wichtigsten Personen im Unternehmen aktiv ein. Gemeinsam entwickeln wir erste konkrete Use Cases.
Darauf folgt die Strategiephase, in der wir priorisieren: Welche Projekte bringen den größten Mehrwert? Was lässt sich schnell umsetzen? Welche Initiativen benötigen größere Veränderungen?
Wichtig: Schon zu Beginn denken wir an die spätere Skalierung und den Live-Betrieb. Denn echte Wirkung erzielt KI erst, wenn sie dauerhaft läuft. Wenn ein Unternehmen bereits testet, aber an der Umsetzung scheitert, analysieren wir die Schwachstellen und definieren nächste Schritte. Im ersten Monat geht es vor allem ums Verstehen: Ziele, IT-Struktur, Hürden. Wir agieren als Partner, der alles zusammenbringt und Bewegung in den Prozess bringt.
Laden Sie auch andere Unternehmen zu den AI Days ein?
Ja. Manchmal holen wir Kund:innen dazu, die bereits Erfahrungen gesammelt haben. Wenn keine direkte Konkurrenz besteht, entsteht ein offener Austausch. Bei einem Workshop lud ein Kunde z. B. sechs weitere Firmen ein, gemeinsam wurden konkrete Projekte analysiert. Oft wirkt es mehr, wenn Kund:innen berichten statt wir. Wir liefern dann Kontext, Technologie und Unterstützung.
Auf der Digital Czechia-Konferenz hieß es, dass manche Unternehmen funktionierende Lösungen hätten – aber niemand fragt sie danach. Stimmt das?
Leider ja. Tschechische Niederlassungen internationaler Unternehmen entwickeln oft innovative Systeme, warten dann aber auf Vorgaben aus dem Ausland. Wenn der Hauptsitz z. B. in Deutschland sitzt und eher konservativ ist, verzögert sich alles um Jahre. Dabei hätten die tschechischen Teams Know-how und Ergebnisse nur fehlt der Raum zur Umsetzung.
Wie lässt sich der Spagat zwischen lokalen Projekten und globalen Vorgaben meistern?
Ja. Adastra ist international tätig, wir kennen beide Seiten. Wir wissen, was die Zentrale erwartet und was das lokale Team braucht. Wir vermitteln zwischen beiden, z. B., wenn verschiedene Technologien genutzt werden. Wir helfen, Prozesse anzugleichen, Kompromisse zu finden und KI konfliktfrei einzusetzen.
Was zeichnet eine erfolgreiche KI-Transformation aus und wie sieht sie in der Praxis aus?
Die Zusammenarbeit mit Škoda Auto. Dort haben wir sowohl die Dateninfrastruktur als auch den Einsatz fortschrittlicher Analytik und KI stark vorangebracht. Dadurch konnte die Produktion und Logistik massiv optimiert werden, mit enormem Einsparpotenzial und mehr Skalierbarkeit.
Wichtig: Das System läuft durchgehend. Das Wissen der Planer:innen wurde digitalisiert, es ersetzt sie nicht, sondern ergänzt sie. Die Menschen können sich nun komplexeren Aufgaben widmen.
Aber es sind nicht nur die Großen: Auch kleinere Hersteller wie GZ Media oder Bednar FMT haben wir unterstützt. Dort ist die Planung heute unabhängig von Einzelpersonen oder Excel – das Unternehmen kann wachsen, ohne am eigenen System zu scheitern.
Ihr abschließender Rat an Unternehmen?
Keine Angst. KI ist da und sie wird bleiben. Es ist normal, Respekt vor Neuem zu haben. Aber sich lähmen zu lassen, wäre schade. So wie einst Züge Pferdekutschen ersetzt haben, gehen wir jetzt den nächsten Schritt. Manche Jobs verschwinden, neue entstehen. Die Geschichte zeigt: Technologie bringt mehr Arbeit, nicht weniger. KI hilft uns, klüger, schneller und zielgerichteter zu arbeiten. Wer früh startet, kann viel gewinnen.
Projekte aus der Praxis
KI-Optimierung in der Fertigung: Bednar FMT steigert Produktionskapazität um 1,75 Mio. EUR Umsatz pro Jahr
Der tschechische Landmaschinenhersteller Bednar FMT ersetzte die manuelle Produktionsplanung durch ein KI-basiertes System. Gemeinsam mit Adastra automatisierte das Unternehmen die Prognosen, nutzte die Kapazitäten effizienter und reagierte flexibler auf Nachfrageschwankungen. Das Ergebnis: Planungszyklen verkürzten sich von Tagen auf Stunden – die Jahreskapazität stieg um 1,75 Mio. EUR.
Hyundai plant Produktion in 5 Minuten und spart 500.000€ jährlich
Hyundai Motor Manufacturing Czech führte ein KI-gestütztes System zur Produktions- und Lackierplanung ein. Die Lösung reduzierte die Planungszeit von mehreren Stunden auf nur 5 Minuten und senkte den Materialverbrauch durch bessere Farbsequenzierung erheblich. Die Einsparungen betragen 13 Mio. CZK jährlich, die Investition amortisierte sich in nur drei Monaten. Die KI verbesserte die Grundierung um 74% und den Decklackauftrag um 54% –weniger Material, weniger Ausschuss, effizientere Produktion.


